Mümis Bloghouse - Gäste Blog

Noch ein weißer Flecken

Gratulation zum Brief an die Herausgeber von Professor Dr. Wolfgang Müller-Michaelis sowie zu Ihrer Überschrift „Vorgegaukelte Westverschiebung Polens“. Denn diese hat es in der Tat nie gegeben. Ebenso wenig die nach 1945 zunächst von polnischer Seite verwandte Formel von den „wiedergewonnenen Westgebieten“. Gegeben aber hatte es den polnischen Überfall – ohne Kriegserklärung – auf das von der Revolution geschwächte Russland, mit dem die 1919 in Paris festgelegten Ostgrenze Polens, die nach dem britischen Außenminister benannte Curzon-Linie, um 300 Kilometer nach Osten verlegt wurde. Damals war die Erregung in Russland so groß, dass der letzte oberste Militär von Nikolaus II., Bussilow, seine zaristischen Offizierskollegen aufforderte, alle Ideologie beiseitezulassen und sich in die Reihen der Roten Armee einzugliedern, um die Polen wieder hinauszuwerfen.

Das gelang nur unvollkommen, worauf der Gründungsherausgeber der F.A.Z., Paul Sethe, in seiner „Kleinen Geschichte Russlands“ 1953 hinwies. Deshalb hat Peter Glotz auch in „Die Vertreibung - Böhmen als Lehrstück“ das Wort Westverschiebung in Anführungszeichen gesetzt. In Warschau beriet damals der französische Generalstab Polen, nachdem zuvor Paris völkerrechtswidrig durch das in diesem Konflikt neutrale Deutschland Kriegsmaterial geliefert hatte. Das vielzitierte „Wunder an der Weichsel“ hatte demzufolge andere, durchaus handfeste Gründe. Sogar das kommunistische Polen hielt an der Übung fest, den französischen Militärs bis an ihr Lebensende einen symbolischen Ehrensold zu überweisen.  Einer der Empfänger war Charles de Gaulle, der in Warschau mit dabei war. Die Curzon-Linie aber wurde abermals 1939 im Hitler-Stalin-Pakt realisiert und von den Alliierten 1945 bestätigt.

Eine Ergänzung zu dem Leserbrief von Professor Müller-Michaelis: Stalin mag die Ermordung der polnischen Offiziere im Wald von Katyn als „ewigen Denkzettel“ für den polnischen Überfall bezeichnet haben. Valentin Falin hat in seinen 1993 in München erschienenen „Politischen Erinnerungen“ den damaligen Generalsekretär der sowjetischen KP, Michail Gorbatschow, bei dessen Vorbereitung auf seinen Besuch bei Staatspräsident Wojciech Jaruzelski nicht nur dazu gedrängt, endlich die Wahrheit über Katyn zu sagen. Falin, einst langjähriger Botschafter der Sowjetunion in Bonn, wollte auch, dass Gorbatschow einen anderen „weißen Flecken“ in den beiderseitigen Beziehungen in Warschau zur Sprache bringen möge. So trat er, wenn auch vergebens, dafür ein, endlich das Schicksal der 1920/21 in dem Krieg verschollenen russischen Kriegsgefangenen zur Sprache zu bringen. „Dieser Flecken müsste ebenfalls beseitigt werden. Zehntausende waren im Nirgendwo untergegangen“, so Falin (S. 445 f.). Zwischen Russland und Polen steht somit nicht nur die Ermordung der polnischen Offiziere im Wald von Katyn, sondern auch das Schicksal „Zehntausender Rotarmisten“.

Erschienen als Leserbrief in der FAZ vom 5. September 2015

 

 

 
-->