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"Kaiser Franz" war ein Glücksfall für Deutschland -Erinnerungen an einen großen Sportler und guten Menschen

Franz Beckenbauer war nicht nur ein Sportsmann von Weltformat sondern auch menschlich ein untadeliger „feiner Kerl“, trotz der Anfeindungen, denen er am Höhepunkt seines Lebens ausgesetzt war von Leuten, die ihm das Wasser nicht reichen konnten. Man wird der Einzigartigkeit seiner Laufbahn als Starspieler der internationalen Extraklasse und als Funktionär des Weltfußballs nicht gerecht, wenn man diese beiden Phasen seiner aktiven Fußballerkarriere nicht auseinanderhält.

Denn die Erfolgsbedingungen sind in beiden Bereichen zu unterschiedlich als dass man die sportlichen Spitzenleistungen des Weltfußballers im ersten Drittel mit dem Führungsformat des Nationalcoaches und Weltfußballfunktionärs in den zwei folgenden Dritteln seines aktiven Lebens in einen Topf werfen könnte. Als Starspieler kam Beckenbauer schon in jungen Jahren zu Weltruhm. Ich erinnere mich an eine Reise nach Tunesien im Jahre 1968, zwei Jahre nach der Vizeweltmeisterschaft in England, als mir am Strand von Hammamet, mich wohl als Deutschen erkennend, eine Gruppe einheimischer Kinder mit ausgestreckten Händen und dem Ruf „Beckenbauer, Beckenbauer“ hinterherlief, darauf spekulierend, dass mich mein Nationalstolz dazu erweichen ließe, ihnen einige harte deutsche Münzen zuzuwerfen.

Als für die HSV-Sponsorship 1977/87 zuständiger BP-Direktor folgte ich nach dem Wechsel von Kevin Keegan vom HSV zum Coach der englischen Nationalmannschaft der Bitte des damaligen HSV-Managers Günter Netzer, den nach dem Ausscheiden bei Bayern München bei Cosmos New York spielenden Beckenbauer nach Deutschland zurückzuholen, um den HSV zu verstärken. Nach dessen Zusage wurde ich mit seinem damaligen väterlichen Freund und Finanzberater Robert Schwan einig, Beckenbauer in das Projekt einer damaligen BP-Imagekampagne „Jugend und Sport“ einzubinden.

Es ging Anfang der 80er Jahre im Rahmen einer Anti-Drogen-Prävention darum, Schüler von der Straße in die Vereine zu holen und Beckenbauer erhielt die Aufgabe, in seiner freien Zeit mit einem fachkundigen Team für die Mitgliedschaft der Jugendlichen in Fußballvereinen der Metropolregion Hamburg zu werben und die Vereine zu Trainingsstunden mit den Jugendabteilungen zu besuchen. Diese Trainingseinheiten mit Beckenbauer erfreuten sich zu jener Zeit großer Beliebtheit, so dass auch mit der Jugendarbeit befasste Einrichtungen außerhalb von Sportvereinen ihr Interesse bekundeten, wie das Jugendgefängnis auf der Elbinsel Hahnöversand sowie der Jugendbereich der Alsterdorfer Anstalten, in denen geistig Behinderte betreut werden.

Gerade an dieser Art Jugendarbeit fand Beckenbauer einen derart großen Gefallen, dass ein Teil der Einnahmen aus seinem HSV-Engagement in das Gründungskapital seiner Stiftung floss, die er in Hamburg mit dem Zweck gründete, gesundheitlich geschädigte und durch Handicaps anderer Art behinderte Jugendliche zu fördern. Stiftungsvorstand war der damalige HSV-Präsident Wolfgang Klein.

Die weichenstellende Bedeutung seines kurzen „Gastspiels“ beim HSV liegt darin begründet, dass ohne diesen Wiedereinstieg als Aktiver in die Bundesliga seine anschließende Karriere als Coach der Nationalmannschaft und Funktionär des Weltfußballs gar nicht möglich geworden wäre, nachdem er 1977 seinen Abschied von Bayern München genommen und zum damals so vorgesehenen Karriereausklang noch ein dreijähriges Engagement als „Fußballrentner“ und „Veteran“ bei Cosmos N.Y. angeschlossen hatte.

War das Hamburger Zwischenspiel der Einstieg in eine neue Erfolgsphase zunächst als Nationalcoach, hat vor allem seine Führungsstärke und sein Charisma maßgeblich dazu beigetragen, das „Sommermärchen“ von 2006 wahr werden zu lassen. Bei allen störenden Nebengeräuschen, die im internationalen Fußballgeschäft unumgehbar sind, hat Franz Beckenbauer mit der Austragung der Fußballweltmeisterschaft 2006 den Deutschen eines der spektakulärsten Kollektiverlebnisse ihrer neueren Geschichte und sich selbst den Höhepunkt seines Lebenswerkes beschert. Dafür sollte ihm der Dank der Nation für alle Zeiten sicher sein.

 

Auf SPIEGEL online ist zum Thema der Beitrag "Wie mein Vater den Kaiser von New York nach Hamburg holte" von SPIEGEL-Redakteur Malte Müller-Michaelis erschienen

 
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